So, jetzt bin ich seit zwei Wochen in Bolivien und ich denke, das ist eine gute Zeit für den ersten Blogeintrag;).
Wie die Überschrift schon vermuten lässt, werde ich jetzt nicht wie wahrscheinlich fast alle Freiwilligen das machen, meine ach so überwältigenden „ersten Eindrücke“ hier breitlabern, weil das nich ich wäre und das wissen auch die meisten, die das hier lesen werden…und Mama für dich hab ich das ja schon gemacht.
Natürlich ist Bolivien anders als Deutschland: Hier fahren in Autos, die in Deutschland nicht mal der Schrottplatz haben wollen würde, eben mal 10 Leute, hier schmeisst man eben das Klopapier in den Mülleimer und nicht ins Klo, hier gibt es eben keine Fußgängerampeln und man muss wirklich sehr aufpassen nicht von einer dieser Klapperkisten überfahren zu werden, hier riecht alles eben ein bisschen anders und hier gibt es eben auch oft kein warmes Wasser und hier ist eben alles ein bisschen älter und kaputter. Und auch der Mond ist hier um 90 Grad gedreht.
Und jetzt komme ich auch dazu, über den Jungen zu reden, dem ich meinen ersten Blogeintrag widmen möchte, sein Name ist Richard. Ich spreche zwar noch nicht wirklich spanisch und auch das Verstehen macht mir noch so einige Schwierigkeiten, aber trotzdem konnte ich feststellen, dass dieser Junge anders ist als die anderen, und damit will ich nicht sagen, dass die anderen schlechter sind, denn das sind sie bestimmt nicht.
Richard ist vor kurzem 16 Jahre alt geworden, er spielt verdammt gut Fußball und er ist relativ ruhig, aber im Sinne von besonnen, denn er ist durchaus kontaktfreudig.
Die Jungs hier sind von ihrem Leben auf der Straße gekennzeichnet und geprägt, die meisten beleidigen und schlagen sich oft (wobei das mehr ein Raufen ist). Ich denke sie tun das, weil sie ihren Platz in der Hierarchie, die es auch hier im Projekt gibt, verteidigen wollen. Und hier konnte ich auch schon sehr früh eine Beonderheit von Richards Charakter feststellen, er scheint sich nicht um seinen Platz in der Hierarchie zu kümmern, er schlägt nicht die Jüngeren und trotzdem scheint es mir, als sei er von allen absolut anerkannt und respektiert, er will und muss sich auch nicht beweisen.
Wie schon gesagt fehlt es mir noch an Sprachkenntnissen, um mich richtig mit den Jungs unterhalten zu können, aber dennoch werden sie nicht müde mich über alles mögliche zu fragen, haben eine unendliche Geduld mir Dinge auch zwanzig mal zu erklären, bis auch ich sie endliche vestanden haben. Die meisten Jungs hier sind zwischen 15 und 16 Jahren alt, es ist also nicht verwunderlich, dass sich nicht wenige unserer „Gespräche“ um Schimpfwörter und Frauen drehen;).
Auch hier ist Richard ein bisschen anders, ich will nicht sagen, dass die anderen Jungs irgendwie mehr auf die Straße passen, aber dieser Junge Richard kommt mir irgendwie reifer vor, wobei das auch nicht das richtige Wort ist. Er interssiert sich natürlich auch für Frauen, aber er tut das auf eine andere Weise.
Ich spüre bei Richard auch eine tiefe Traurigkeit, die tief in ihm drinnen sitzt, auch hier will ich nicht sagen, dass die anderen Jungs, mit ihrer Situation ohne Eltern und Geschwister, die sie wahrscheinlich nie wieder sehen werden, glücklich sind, aber ich glaube, die meisten haben mit ihrer Situation schon abgeschlossen, sie wissen, dass es sehr wahrscheinich nicht mehr anders wird.
Ich kenne Richards Geschichte noch nicht, aber wenn wir uns unter anderen Umständen kennengelernt hätten, dann kann ich mir gut vorstellen, dass wir sehr gute Freunde hätten sein können. Und das wirft mir auch mein eigenes und von mir selbst unbeinflusstes Glück vor Augen. Ein Glück, das Richard und die anderen Jungs nicht hatten.
Das klingt bisher wahrscheinlich nicht besonders nach einem freudigen Leben für mich in Bolivien, aber das ist ganz und gar nicht so!! Ich geniesse jeden Tag die Andersartigkeit der Menschen hier, die durchaus sehr hübschen Bolivianerinnen, die übrigens sehr auf Weiße stehen:P und auch das sehr andere und genauso leckere Essen,( heute gabs zum Beispiel Hühnerfüße, die zugebener Maßen gewöhnungbedürftig waren). Und nicht zu vergessen, es ist hier grade Winter und nie kälter als 25 Grad;).
So weit für heute, ich denke, dass Richard mein Jahr hier sehr prägen wird und ich hoffe sehr, dass ich ihm irgendwie werde helfen können, das ist zumindest mein Ziel.
Ganz liebe Grüße
Euer Björn